Philatelie - Hobby und Wissenschaft

Die Berliner Rohrpost

Die Rohrpost als eine technische Revolution im Postbetrieb zu bezeichnen ginge sicher zu weit. Trotzdem machte die Rohrpost in den Städten, in denen sie flächendeckend eingeführt wurde, eine nie gekannte Zustellgeschwindigkeit möglich. Es war der Versuch, die gewachsenen Anforderungen im sogenannten "Post-Innendienst" und auch der Geschäftsleute auf rasche Zustellung von Telegrammen und Eilbriefen nachzukommen.

In Berlin wurde der Grundstein zu dieser Entwicklung in der Zeit der Preußischen Posthoheit gelegt, in der zunächst ab 1865 für den internen Betrieb eine Versuchsstrecke betrieben wurde. In der Zeit des Deutschen Reiches wurde sie dann voll ausgebaut und die Nachkriegsreste in der DDR-Zeit bis 1970 (zuletzt wieder nur interner Betrieb) genutzt.

Der Ausbau des Rohrnetzes in Berlin hatte nachvollziehbare Gründe:

Seit Beendigung des deutsch-französischen Krieges (1870 / 71)hatte die Bevölkerung der Stadt Berlin zahlenmäßig zugenommen. Auch die Ausdehnung der Stadt erforderte die Verwirklichung des in einer Denkschrift der Telegrafen-Verwaltung für das Jahr 1874 gesetzten Zieles. Die Vereinigung der Verwaltungen von Post und Telegrafie war damit angesprochen. 

Das unterirdische Beförderungssystem für Eilnachrichten jeder Art, das sowohl die in Berlin von auswärtigen Stationen einlaufenden Telegramme "mit beschleunigter Geschwindigkeit an den Adressaten" beförderte, als auch die bei den verschiedenen Ämtern (Rohrpoststationen meistens in Verbund mit Postämtern) aufgegebenen "Telegramme ohne Zeitverlust an die zum "Abtelegrafieren" derselben nach auswärts bestimmten Stationen  weiterleitete, stieß bei der Berliner Bevölkerung auf großes Interesse.

Seine erhebliche Inanspruchnahme durch das Publikum - im Eröffnungsmonat Dezember 1876 wurden bereits 94.495 beförderte Sendungen registriert - machte spezielle Brief- und Postkartenvordrucke notwendig, die sich in den Maßen nach den Beförderungs-Büchsen bzw. Krümmungsradien der Fahrrohre richten sollten.

Neben den eigens angefertigten Rohrpostkarten waren auch gewöhnliche Postkarten zulässig, doch sollten diese auf der Vorderseite oben links deutlich die unterstrichene Bezeichnung "Rohrpost" tragen.

Briefe durften das Höchstgewicht von 10 Gramm nicht übersteigen, nicht mit Siegellack verschlossen sein und keine steifen oder zerbrechlichen Einlagen enthalten. Dem Publikum wurde die Benutzung mit dem Hinweis auf die Gebührenregelung: 30 Pfennig für einen Brief, 25 Pfennig für eine Postkarte, und die "besonderen Vortheile" nachdrücklichst empfohlen: "Da die Beförderung der Telegramme nach und von Berlin außerhalb durch die Rohrpost innerhalb des Weichbildes von Berlin ohne Zuschlag zu den eigentlichen Telegraphengebühren erfolgt".

Der Rohrpostbrief RP 8 vom 1. 10. 1889

Versendet am 29. 5. 1894 um 10.30 Uhr im Postamt P 46 und um

11.00 Uhr im Zielpostamt P 13 angekommen.

Die Geschichte – und insbesondere die Deutsche Postgeschichte – berührt uns, wenn wir in den Dokumenten und Unterlagen die "bürokratische" Ordnung der Postbeamten bemerken und in den schön geschriebenen Briefadressen die Sorgfalt des Schreibers erkennen.

Für den Philatelisten ist diese relativ kurze Epoche - immerhin sind nicht einmal 100 Jahre wirklich von Interesse – die eingeschränkte Ausbreitung (nur Berlin bietet genügend philatelistische Dokumente, Karten und Briefe) trotzdem ein überraschend schönes Betätigungsfeld.

Nicht nur die ungewöhnliche Technik, sondern die Tatsache, dass hier ein völlig eigenständiges Posttransportsystem mit eigenen Ganzsachen (Karten und Briefen), mit den entsprechenden Wertstempeln und einer Vielzahl anderer Stempel vorliegen, machen den großen Reiz aus.

Die Rohrpostanlage im Berliner Haupt- und

Telegrafenamt 

Besichtigung durch den

damaligen preußischen General-Postdirektor

Heinrich Stephan im Jahre 1876

Die eingesetzte Technik allein ist schon ein Studium wert. 

Rohre, Verteil- und Codiersysteme 

sind auch heute noch bewundernswerte technische Errungenschaften des 19. Jahrhunderts.

Rohrpoststück der Firma Siemens&Halske

im Jahre 1870

Bereits bei der Inbetriebnahme der Rohrpost am 1. Dezember 1876

war das Rohrpostnetz recht gut ausgebaut.

 

Übersichtskarte des Betriebsnetzes im Jahre 1876

Zu diesem Zeitpunkt waren bereits 15 Postämter angeschlossen und die Rohrleitungslänge betrug 25,9 km. In diesem Startjahr wurden bereits 1,3 Millionen Poststücke befördert.

 

Bereits 1865 begann man mit der Errichtung des Rohrpostnetzes

in der "Berliner Börse", die im 2. Weltkrieg total zerstört wurde.

Die "Berliner Börse"

Hier wurde 1865 eine erste "Testlinie" zum Haupttelegraphenamt eingerichtet.